Viele Frauen kommen erst mit 30, 40 oder später auf die Idee, dass sie ADHS haben könnten. Nicht, weil es vorher keine Anzeichen gab, sondern weil sie nie gelernt haben, wie es bei ihnen aussieht.
Ein Satz, den ich immer wieder höre: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich ADHS haben könnte. Ich bin doch nicht hyperaktiv.
Genau das ist das Problem.
Das Bild von ADHS, das die meisten Menschen im Kopf haben, zeigt ein Kind, meistens einen Jungen. Laut, zappelig, impulsiv, kann nicht stillsitzen. Das ist nicht falsch. Aber es ist unvollständig. Und für viele Frauen war genau dieses unvollständige Bild über Jahre eine Barriere.
Wie es dazu gekommen ist
ADHS bei Frauen wird nicht übersehen, weil es selten ist, sondern weil es lange falsch verstanden wurde. Die frühe ADHS Forschung hat überwiegend Jungen untersucht. Auch die Diagnosekriterien wurden daran ausgerichtet. Sichtbare Hyperaktivität und Impulsivität standen im Vordergrund. Der vorwiegend unaufmerksame Typ, der bei Frauen häufiger vorkommt, wurde lange kaum berücksichtigt.
Auch die Diagnosesysteme haben dazu beigetragen. Das ICD 10, nach dem in Deutschland lange diagnostiziert wurde, kennt im Kern nur den kombinierten Typ, also ADHS mit Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit zusammen. Der vorwiegend unaufmerksame Typ, der bei vielen Frauen im Vordergrund steht, wird dadurch schlechter abgebildet. Mit dem ICD 11 wurde das angepasst: Es unterscheidet klar zwischen den Subtypen und schließt ADHS im Erwachsenenalter ausdrücklich mit ein. Die Umsetzung in der Praxis ist jedoch noch nicht überall angekommen.
Was die Zahlen zeigen
Bei Kindern werden Jungen deutlich häufiger diagnostiziert als Mädchen. Im Erwachsenenalter gleicht sich dieses Verhältnis jedoch fast aus. Das deutet darauf hin, dass Frauen nicht seltener betroffen sind, sondern später erkannt werden. Viele erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter, oft mit Ende zwanzig oder noch später. Häufig passiert das erst, wenn die eigenen Kinder diagnostiziert werden und sie sich in den Beschreibungen wiederfinden.
Viele Frauen wurden nicht übersehen. Sie wurden falsch gelesen.
Wie ADHS bei Frauen aussieht
Die Unruhe ist weniger sichtbar und richtet sich nach innen. Gedanken laufen ständig, Abschalten fällt schwer. Viele beginnen mehrere Dinge gleichzeitig und bringen sie nicht zu Ende, oder wechseln zwischen Phasen von Überaktivität und völliger Erschöpfung. Organisation wirkt nach außen oft gut, kostet aber enorme Energie. Viele kompensieren lange mit Listen, Systemen und Kontrolle, bis es nicht mehr geht. Auch emotionale Reaktionen und Schwierigkeiten in Beziehungen spielen häufig eine Rolle.
Masking
Viele Frauen haben kein mildes ADHS. Sie haben gelernt, es unsichtbar zu machen. Viele entwickeln früh Strategien, um ihre Symptome zu verstecken. Dieses sogenannte Masking sorgt dafür, dass ADHS lange nicht erkannt wird. Nach außen wirkt vieles stabil, während es sich innen dauerhaft anstrengend anfühlt. Diese Form der Anpassung kostet Energie und steht häufig im Zusammenhang mit Angst, Selbstzweifeln und Erschöpfung.
Was eine späte Diagnose auslöst
Eine späte ADHS Diagnose bringt für viele zunächst Erleichterung. Endlich gibt es eine Erklärung für das, was lange unklar war. Und gleichzeitig entsteht oft Trauer. Über die Jahre, in denen man sich falsch eingeordnet hat. Über die Scham. Über die Energie, die in Anpassung geflossen ist. Und über die Frage, was möglich gewesen wäre, wenn man es früher gewusst hätte.
Beides kann gleichzeitig da sein. Und beides ist berechtigt.
Was danach kommt
Die Diagnose ist kein Ende, sondern ein Anfang. Sie erklärt, was war, verändert aber noch nicht den Alltag. Entscheidend ist, zu verstehen, wie dein Gehirn funktioniert und welche Strukturen wirklich helfen. Es geht darum, einen Umgang zu finden, der nicht auf Anpassung basiert, sondern auf Passung.
Genau dabei begleite ich Frauen in meinem Coaching.